von Dr. Christine Keitsch
Um es gleich zu Beginn festzuhalten: Die Geschichte von Anna Rüdebusch und die genauen Umstände ihres gewaltsamen Todes können – zumindest heute – weder an dieser noch an anderer Stelle fundiert erzählt werden. Sie liegen schlicht im Dunkel der Geschichte. Verlässliche Quellen sind bislang nicht vorhanden – oder sie schlummern seit fast 400 Jahren noch in den Tiefen diverser Archive vor sich hin und harren der Entdeckung. Einzig die Inschrift des sogenannten „Mordsteins“ nebst einer inzwischen offenbar verschollenen, handschriftlichen Notiz des Golzwardener Pastors Ludwig Konrad Martin Schauenburg vom Ende des 19. Jahrhunderts geben einige äußerst rudimentäre Informationen preis. Aber auch deren Wahrheitsgehalt kann und darf hinterfragt werden. Ein Mord, der vierzehn Jahre nach der Tat aus Reue und möglicherweise auf dem Sterbebett von einem der Täter gebeichtet wird. Eine handschriftliche Notiz, die ihre Quelle angeblich in einer über 250 Jahre alten mündlichen Überlieferung hat. Wie und in welchem Maße können wir uns auf dieser hauchdünnen Grundlage dem Leben der weiblichen Protagonistin und ihrem brutalen Ende überhaupt nähern? Wagen wir einen zaghaften Versuch, vielleicht, in dem wir ein paar Fragen stellen.
Wie war das Setting?
Das Leben von Anna fand ein brutales Ende in einer ohnehin rauen Epoche. Wir befinden uns nicht zuletzt auch in der Zeit der Hexenprozesse, denen hauptsächlich Frauen zum Opfer fielen. Der 30jährige Krieg bildet den überregional großen Rahmen für dieses tragische Einzelschicksal, wenngleich die Verhältnisse in der Wesermarsch und in der Grafschaft Oldenburg im Vergleich als verhältnismäßig friedlich angesehen werden dürfen. Graf Anton Günther von Oldenburg agierte politisch mit großem Geschick und behielt dabei wirtschaftliche Interessen im hoheitlichen Blick, kurz: Er gab erfolgreich sein Bestes, um den Krieg von seinen Grenzen fernzuhalten, das Land weiterzuentwickeln und von den Gegebenheiten noch Profite zu erwirtschaften, vor allem mit der Pferdezucht, aber auch mit der Zucht und dem Handel von Mastvieh. Während andernorts Landstriche vom Krieg verwüstet, Ackerland und Ernten vernichtet und Bauern ins Elend getrieben wurden, entwickelte sich vor Ort eine reiche bäuerliche Elite. Dennoch führten drückende Abgaben, eine komplizierte Verwaltungsstruktur und vor allem eine nicht weniger komplizierte Rechtslage andererseits dazu, dass die Region zugleich auch von zunehmender Armut sowie sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt war. Der Heimatkundler Dieter Bolte hat dies in seinem Buch „Butjadingen, Stadtland und Burgdorf Ovelgönne einst und jetzt“, das 2014 erschienen ist, ausführlich recherchiert und mit zahlreichen Quellen belegt.
Die Menschen lebten in einer Ständeordnung, in der ihre jeweilige soziale Stellung von Geburt an mehr oder weniger festgelegt war. Rechtssicherheit war absolut nicht selbstverständlich und hing sehr stark vom Geschlecht, dem gesellschaftlichen Status und dem Geldbeutel ab. Eine einheitliche Gesetzgebung gab es ebenso wenig wie unabhängige Richter. Drosten, Vögte und andere Beamte erhielten oft gar kein oder wenn, dann nur ein kleines festes Gehalt. Sie finanzierten sich über die sogenannten „Sporteln“, Geldzahlungen, die sie für ihre Dienstleistung von ihren Kunden erhielten. Urteilsfindungen waren daher oft von Willkür, aber auch von religiösen Vorstellungen beeinflusst. Wie überhaupt die Religion einen großen Einfluss auf das Leben und den Alltag der Menschen hatte. Die Pastoren waren dominierende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Sie waren nicht nur für die Gottesdienste, Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen zuständig, sondern setzten auch Testamente und Verträge auf und wachten über die Moral ihrer „Schäfchen“ – meist mit relativ wenig Erfolg, wie wir den erhaltenen Quellen entnehmen dürfen.
Die Historikerin Christine Aka hat sich intensiv mit allen Aspekten des bäuerlichen Lebens jener Zeit in der Wesermarsch beschäftigt. Ihr Buch „Bauern, Kirchen, Friedhöfe – Sachkultur und bäuerliches Selbstbewusstsein in der Wesermarsch vom 17. bis 19. Jahrhundert“, Cloppenburg 2012, ist daher ein lesenswertes und aufschlussreiches Fundament zum Verständnis der Verhältnisse, in denen Anna damals lebte. Die Stellung der Frau war von Abhängigkeit in einer streng patriarchalischen Gesellschaft geprägt. Ehen wurden vor dem Hintergrund für die Familien vorteilhafter, wirtschaftlich nutzbringender Verbindungen und aus Sicht von Frauen aus weniger betuchten Verhältnissen unter dem Aspekt von Versorgung und Sicherheit geschlossen. Wurden Ehefrauen der bäuerlichen Elite häufig in privaten Testamenten gut versorgt und abgesichert, waren die zahlreichen dienstbaren, weiblichen Geister wie Mägde oder Tagelöhnerinnen in einer völlig anderen Situation. Sie waren ihren Arbeitgebern mehr oder weniger ausgeliefert – und damit nicht selten auch sexualisierter Gewalt.
Wolfgang Heimbach, ein taubstummer Barockmaler, der vermutlich 1613 in Ovelgönne geboren wurde, lässt uns einen winzigen Blick auf die Verhältnisse werfen. Sein 1648, im Jahr des Westfälischen Friedens, während seines Italien-Aufenthalts entstandenes Gemälde, das unter dem Titel „Kücheninterieur“ verzeichnet ist, wirkt wie eine zynische Allegorie auf das Patriarchat. Es zeigt eine großzügig bemessene und reich ausgestattete Küche, die auf einen wohlhabenden Haushalt verweist. Im Mittelpunkt steht der Hausherr in kostbarer Kleidung, die bis in das kleinste Detail wiedergegeben ist, bis hin zum matten Glanz der maßgefertigten Seidenstrümpfe. Die fünf weiteren Personen, drei Frauen, von denen eine im Hintergrund am Spülstein steht, eine weitere rechts im Bild am offenen Feuer eine Mahlzeit zubereitet und eine weitere ihm zu Füßen Pfirsiche aus einem Korb auf einen Teller legt, sowie ein Mann links vorn und ein Knabe rechts, gruppieren sich um ihren Herrn, der selbstzufrieden und lächelnd Geld abzählt. Zu seinen Füßen sitzt brav ein Hund, nur der links im Bild auf einem Stuhl sich räkelnden Katze scheinen die Verhältnisse egal zu sein. Das Bild hängt heute im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg.

Die auf dem Mordstein beschriebenen Geschehnisse fanden wohl im Februar 1637 statt. Das 17. Jahrhundert befand sich noch fest im Griff der sogenannten „Kleinen Eiszeit“, einer Periode mit kalten, langanhaltenden Wintern und kühlen regenreichen Sommern. Der Martinstag am 11. November war nicht nur das Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahrs, sondern traditionell auch das Ende der jährlichen Schifffahrt, da Seen, Flüsse und Küsten in der Regel über den Winter zufroren und bis Ende März mit Eisgang gerechnet werden musste. Wer einen anschaulichen Blick auf die winterlichen Zustände riskieren möchte, der schaue sich einmal die Bilder von Hendrick Avercamp, der sich – wie zahlreiche andere Künstler der Niederlande – mit Darstellungen wint

Übrigens hat auch der bereits erwähnte Christoph Heimbach ein solches Werk hinterlassen. https://www.dorotheum.com/de/l/2332534/ Sie ermöglichen uns heute zugleich eine Vorstellung davon, wie die Menschen jener Zeit gekleidet waren.
Wie können wir uns Annas direkte Lebensumstände vorstellen?
Werfen wir in dem Zusammenhang kurz einen Blick auf die möglichen räumlichen Verhältnisse. Der „Mordstein“, dessen heutiger Standort als Ort ihres Todes als auch ihres einstigen Lebens- und Arbeitsumfelds interpretiert wird, steht auf dem Gelände Golzwarderwurp 12. Der Niedersächsische Denkmalatlas weist die Hofanlage wie folgt aus: „Auf einer Wurt liegende, auf drei Seiten von einem Wassergraben umgebene Hofanlage, bestehend aus dem Wohn-/Wirtschaftsgebäude, einem wohl 1850 umgebauten Hallenhaus von 1773, einer Scheune von 1865 und einem um 1900 erbauten Stall. Vor dem Hof ferner der „Mordstein“ von 1651 aufgestellt“
Der Hof, auf dem Anna möglicherweise lebte und arbeitete, ist also heute nicht mehr erhalten. In Band I der „Heimatkunde des Herzogtums Oldenburg“ aus dem Jahr 1913, ist ein Hof des 17. Jahrhunderts mit Grundriss nebst zwei Fotos der Außen- und Innenansicht abgebildet. Den größten Teil der Hausfläche nehmen die Bereiche für das Vieh ein, Kühe, Kälber, Schweine, Pferde. Der eigentliche Wohnbereich ist recht überschaubar und besteht aus zwei Räumen mit Alkoven, an die Wand gebauten Bettkästen. Auf der Diele befindet sich der Herd, eine offene Feuerstelle mit darüber befindlichem Abzug für den Rauch. Christine Aka beschreibt das Leben in einem niederdeutschen Hallenhaus inklusive der zur Verfügung stehenden Geräte, des Inventars und der privaten Verhältnisse anhand eines konkreten Beispiels sehr genau. Anschaulich kann dies auch in einem kleinen Dokumentarfilm des Museumsdorfes Cloppenburg nachvollzogen werden, der auf Youtube unter: https://www.youtube.com/watch?v=XnSFKHW_bwA&t=1s abrufbar ist.
Es wird deutlich, dass es so etwas wie die heute viel beschworene „Privatsphäre“ im 17. Jahrhundert kaum gab. Die Menschen lebten auf sehr engem Raum gemeinsam unter einem Dach. Neben der Familie, bestehend aus dem Bauern, seiner Ehefrau und den Kindern (wie für die Wesermarsch belegt ist, durchaus auch unehelichen) waren möglicherweise noch die Großeltern, in jedem Fall aber Knechte, Mägde und sonstiges Dienstpersonal untergebracht. Diese verfügten höchstens über separate Schlafstellen, die sie sich jedoch häufig teilen mussten. Für uns mag sich das heute alles befremdlich anhören, für die Menschen der damaligen Zeit war es jedoch selbstverständlich. Die Entlohnung der Arbeitskräfte war bescheiden, aber die Verhältnisse boten auch Sicherheit. Man hatte ein Dach über dem Kopf und saß gemeinsam an einem Tisch. Man war versorgt – zugleich jedoch in Abhängigkeit. Unter den geschilderten Umständen ist es nur schwer vorstellbar, dass irgendetwas wie zwischenmenschliche Beziehungen beispielsweise vor den Blicken anderer verborgen blieb. Was also auch immer passiert sein mag auf der Golzwarderwurp im Februar 1637 – es kann durchaus nicht ausgeschlossen werden, dass es Mitwisser gab- aber die hielten in ihrem eigenen Interesse sicher besser den Mund.
Magd oder Haushälterin?
Weder Annas Alter, noch ihre Funktion bzw. ihre Stellung auf dem Hof werden in der Inschrift auf dem Stein erwähnt. Allerdings wird ihre Person durch einen Spitznamen genauer definiert. Der Vorname Anna war recht häufig, der Hinweis auf diese spezielle Charakterisierung macht sie als Individuum kenntlich. Möglicherweise dürfen wir daraus schließen, dass Anna der Allgemeinheit oder zumindest ihrem weiteren sozialen Umfeld wohlbekannt war. Man erinnerte sich an die „GROSSE ANNA“ und sicher an die tragischen Umstände ihres Todes auch noch nach 14 Jahren. Man erinnerte sich immerhin so intensiv, dass die damals bekannten Fakten von den Menschen vor Ort über zweieinhalb Jahrhunderte mündlich weitergegeben wurden, sodass Pastor Ludwig Schauenburg sie Ende des 19. Jahrhunderts kurz zusammengefasst auf einen Zettel notieren kann. Während sie in den meisten Schilderungen diverser Autor:innen als „Magd“ bezeichnet wird, hält Schauenburg ausdrücklich die Bezeichnung „Haushälterin“ fest. Das würde sie, wenn es denn so gewesen war, im sozialen Gefüge der damaligen Zeit auf eine höhere Stufe als die einer einfachen Magd stellen.
Die Funktion der Haushälterin beinhaltete ein gewisses Maß an eigenverantwortlichem Handeln und Selbständigkeit in der Organisation des Gesamthaushalts, sowie Personalverantwortung und Zugriff auf ein bestimmtes finanzielles Budget. Sie würde beispielsweise in einem Haushalt ohne Vorhandensein einer Ehefrau deren Aufgaben innegehabt haben. Als Haushälterin dürften wir sie uns als eine Respektsperson vorstellen, freilich auch sie in mehr oder weniger absoluter Abhängigkeit von ihren Brotgebern. Ihre Funktion innerhalb des bäuerlichen Haushalts hat auch auf die Schätzung ihres Alters einen gewissen Einfluss. Als Magd kann sie noch sehr jung gewesen sein, die Stellung einer Haushälterin wird jedoch Erfahrung, Geschäftstüchtigkeit, Organisationstalent, Durchsetzungsvermögen und ein gewisses Maß an Bildung, zumindest die Fähigkeit, Rechnen, Lesen und Schreiben zu können, vorausgesetzt haben. Um vom übrigen – auch männlichen – Personal und den Arbeitgebern respektiert zu werden, dürfen wir wohl auch ein etwas höheres Lebensalter voraussetzen. Eine Ehe findet keine Erwähnung, sodass wir Sie – immer unter der Prämisse, die beiden Quellen geben die Umstände korrekt wieder, auf Mitte bis Ende zwanzig oder vielleicht auf Anfang 30 oder älter schätzen dürfen.
Opfer oder auch Täterin?
Die Inschrift auf dem Stein führt explizit aus, dass man Anna ermordete, nachdem sie „aus der Haft entführet“ wurde. Die Gründe für ihre Haft finden sich nicht, ebenso wenig Angaben über ihren oder ihre möglichen Entführer. Der bereits erwähnte Pastor Schauenburg hält in seiner Notiz fest, dass Anna Rüdebusch als Haushälterin auf einem Hof lebte, der von drei Brüdern bewirtschaftet wurde. Sie habe ein Kind zur Welt gebracht, dass nach der Geburt getötet wurde. Anna sei daraufhin unter Tatverdacht verhaftet, dann aber von den drei Brüdern befreit worden. Diese hätten sie dann umgebracht, um ihre Beteiligung an der Tat zu vertuschen. Natürlich kann es alles auch ganz anders gewesen sein, wir wissen es nicht. Kindsmord war jedoch auch im 17. Jahrhundert eine Straftat, die erhebliche Konsequenzen nach sich zog. Ob Anna selbst das Neugeborene umgebracht oder ihre Arbeitgeber dafür verantwortlich waren – vor Gericht hätte sie einen sehr schweren Stand gehabt und mit Folter zur Erzwingung eines Geständnisses sowie im Anschluss mit einem Todesurteil rechnen müssen. Unter diesen Umständen ist es zudem wahrscheinlich, dass man sie nach Ovelgönne in die Festungshaft geführt hätte. Wer sich nun fragt, wie es möglich ist, jemanden aus der Festungshaft zu „entführen“, dem gibt vermutlich eine im Landesarchiv in Oldenburg vorhandene Akte von 1640 unter der Signatur NLA OL Best 71 Ad Nr. 289 mit dem Titel „Klage und Untersuchungssachen gegen Bedienstete der Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst“Auskunft: Sie schildert eine Untersuchung gegen Hilmar Diercksen, Hauptmann der Festung Ovelgönne wegen Bestechung und Erpressung. Mit Geld ließ sich eben fast alles regeln und auch Schweigen erkaufen, der Betrag musste nur stimmen.
Warum sind bislang keine weiteren Quellen aufgetaucht?
Möglicherweise sind sie einfach noch nicht entdeckt worden. Der Mordfall Anna Rüdebusch ist erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit in den Fokus allgemeiner Aufmerksamkeit gerückt. Es mag also sein, dass sich Hinweise – auch zu den Tätern und zu den genaueren Umständen der Tat – noch finden lassen. Es gäbe aber natürlich auch noch eine andere Möglichkeit, die jedoch rein spekulativ ist. Sollte die Geschichte, wie sie in den beiden genannten Quellen überliefert wird, korrekt sein, wäre es möglich, dass es seinerzeit gar nicht zu einem Verfahren und damit zu einer Akte oder einer amtlichen Dokumentation kam. Annas Entführer, so können wir die Ausführungen Schauenburgs interpretieren, wollten ihre eigene Tatbeteiligung vertuschen. Sie wollten also verhindern, dass Anna möglicherweise unter der Folter ein Geständnis abgelegt hätte, dass sie als Täter mit einbezog. Sie entführen Anna aus der Haft – aber wo sollte sie unterkommen? Wohin hätte sie sich wenden können? Hatte sie Familie? Würde sie dort Aufnahme gefunden haben? Auf den Hof konnte sie sicher nicht zurück, sie wurde schließlich als Kindsmörderin verdächtigt. Was also tun? Es kann durchaus in Betracht gezogen werden, dass die Brüder sie daher einfach verschwinden ließen. Verscharrt, vergraben, versenkt, wenn keine Leiche auftaucht, kann auch niemand des Mordes verdächtigt werden. Keiner hakt nach. Es waren unruhige Zeiten. Als Flüchtige, noch dazu als Frau, ohne Schutz, vermutlich mittellos im kalten Februar des Jahres 1637 wären ihre Chancen ohnehin gering gewesen, lange zu überleben.
Was hat Anna wohl gedacht? Was hat sie gefühlt und befürchtet? Legen wir die bekannten Informationen als Tatsachen zugrunde, war ihr Leben im Februar 1637 so oder so auf dem letzten Teilabschnitt angekommen. Das muss ihr bewusst gewesen sein.
Gibt es vergleichbare Fälle?
Zumindest einer ist tatsächlich dokumentiert und – wie der der Anna Rüdebusch auch – in einem Roman verarbeitet worden. Der Heimatforscher Ulrich Klemens hat sich über Jahre hinweg mit den sogenannten Mordsteinen von Sennestadt, am südlichen Rand von Bielefeld beschäftigt. Seine Nachforschungen mündeten 2019 in der Herausgabe eines Buches. Die beiden Opfer waren gleichfalls weiblich: Anna Tambor, Ehefrau eines Dragoners aus Siberg, wurde an der Stelle, an der die beiden Steine 1661, also fast genau zehn Jahre nach der Errichtung des Mordsteins auf der Golzwarderwurp, aufgestellt wurden, gemeinsam mit ihrer sechs Monate alten Tochter erschlagen. Vermutlich von ihrem eigenen Ehemann. Aber auch hier ergeben sich viele Fragen und Widersprüche, die den Verfasser Ulrich Klemens dazu bewegten, sich näher mit dem Fall zu beschäftigen. Im Gegensatz zu unserer Geschichte in der Wesermarsch existiert aber eine schriftliche Quelle zum Fall, die 1688, also 27 Jahre später, vom Amtsschreiber Wolff Ernst Alemann verfasst wurde und möglicherweise noch auf Vorlage alter Originalakten beruhen könnte. In dem Bericht ergeben sich jedoch aus Sicht des Verfassers erhebliche Widersprüche zu Tathergang und Verlauf. Auch hier ist über die persönlichen Umstände von Opfern und Täter, von dem nur der Vorname Lorentz überliefert ist, nichts bekannt, obwohl die Geschichte wohl über Jahrzehnte hinweg weiter mündlich tradiert wurde.
Sowohl der Fall Anna Rüdebusch als auch der Anna Tambors sind Beispiele für Gewalt an Frauen, die den Tätern aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse Mord als Lösung einer für sie problematischen Situation als selbstverständlich nahelegten. Den Begriff des Femizids gab es im 17. Jahrhundert nicht, er ist von der feministischen Forschung der 1990er Jahre geprägt worden. Vielleicht ist es aber an dieser Stelle interessant zu erwähnen, dass Gewalt gegen Frauen bis heute weltweit zu den häufigsten Menschenrechtsverletzungen zählt. Jacob Hirsch führt in seinem Essay über Femizid 2023 aus, dass auch in Deutschland das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen erschreckend ist und sich durch alle sozialen Schichten zieht. An jedem dritten Tag wird hierzulande, so Hirsch, eine Frau Opfer von Mord oder Totschlag durch ihren Partner oder Ex-Partner. (https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/femizid-2023/)
Das 17. Jahrhundert scheint so nicht weit entfernt…
Und worüber sprach man sonst noch?
Von Anna ist nur ein ungefährer Todeszeitpunkt bekannt. Die Inschrift des auf dem Hof Golzwarderwurp erhaltenen Sühnesteins sagt dazu: ANNO 1637 IM FEBRUARIO IST ANNA RUDEBUSCH, SONST DIE GROSSE ANNA GEHEISSEN, NACHDEM SIE AUS DER HAFT ENTFÜHRET, AUF DIESEM WORP (?) ERMORDET WORDEN (…) Der Februar 1637 war überregional vor allem von einem Thema beherrscht: Dem Ende der großen „Tulpenmanie“ in den Niederlanden, einer der ersten Spekulationsblasen der Wirtschaftsgeschichte, die am 5. Februar mit dem völligen Verfall der bis dahin zu fantastischen Preisen gehandelten Tulpenzwiebeln begann und deren Auswirkungen noch über Jahre hinweg und weit über die Landesgrenzen hinaus zu spüren waren. Die Verbindungen zu den Niederlanden waren traditionell nicht zuletzt über Handelsbeziehungen, aber auch durch die ohnehin vorhandene geographische Nähe eng und vertieften sich im Laufe des 17. Jahrhunderts. Man wird also auch hier über diese wirtschaftliche und, wie es die amerikanische Historikerin Anne Goldgar in ihrem Buch „Tulipmania: Money, Honor and Knowledge in the Dutch Golden Age“, 2008 postuliert, vor allem kulturelle Krise, in der das Vertrauen in den Markt intensiv erschüttert wurde, gesprochen haben – zumal auch diverse Pamphlete kursierten, die sich humorvoll mit diesem Spekulationsskandal auseinandersetzten und breiten Absatz fanden.
Am 15. Februar 1637 starb zudem Ferdinand II, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches seit 1619, dessen fanatischer Katholizismus und rigoroser Kampf gegen die Protestanten 1618 zum Aufstand der böhmischen Stände und damit zum berühmten Prager Fenstersturz geführt hatte, dem Auslöser für den 30jährigen Krieg. Sein Tod machte letztlich den Weg für Verhandlungen der unterschiedlichen Kriegsparteien frei, die unter seinem Sohn und Nachfolger Ferdinand III schließlich elf Jahre später den Westfälischen Frieden ermöglichen sollten. Ereignisse der Weltgeschichte, die sicherlich auch die Region berührten und zumindest Gesprächsthemen gewesen sein dürften.
Das zugleich in Venedig das Theatro San Cassiano als weltweit erstes öffentliches Opernhaus seine Türen öffnete, wird in der Region vermutlich weniger interessant gewesen sein.
to be continued …